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Bis
jetzt war von Issues noch gar nicht die Rede. Die erwähnten
unternehmensrelevanten Ansprüche und Themen, die in zunehmender Form an
das Unternehmen herangetragen werden, sind eben die Issues. Träger sind
Anspruchgruppen aus dem Unternehmensumfeld. Mit anderen Worten, Issues
ergeben sich als Konsequenz des Zusammentreffens von Organisation und Außenwelt.
Sie stellen die Verbindung dar zwischen dem Unternehmen und den
Interessengruppen. (AVENARIUS
2000, S. 178 f.) Damit ist gleichzeitig die Verbindung der
beiden ersten Abschnitte der vorliegenden Arbeit geschaffen: Die
gesellschaftliche Entwicklung bringt Trends und Themen hervor, die durch
Stakeholder an ein Unternehmen herangetragen werden und damit zu Issues
werden
Issues
sind eng mit den dahinterstehenden Stakeholdern verbunden, weil
Sachverhalte für eine Organisation wie ein Unternehmen erst dann Relevanz
gewinnen, wenn sie durch konkrete Akteure als Problem wahrgenommen und in
Beziehung zur Organisation gesetzt werden. So schreibt Luhmann: „Es mögen
Fische sterben oder Menschen, das Baden in Seen oder Flüssen mag
Krankheiten erzeugen, es mag kein Öl mehr aus den Pumpen kommen und die
Durchschnittstemperaturen mögen sinken oder steigen: solange darüber
nicht kommuniziert wird, hat dies keine gesellschaftlichen
Auswirkungen.“ (RÖTTGER
2001, S. 18)
Für
das Wort Issue gibt es im Deutschen keine Entsprechung, es wird in der
Regel mit Streitfall, Streitfrage oder strittiger bzw. wesentlicher Punkt
übersetzt. Es bietet sich daher an, den Begriff auch im Deutschen zu
verwenden. Ohne an dieser Stelle auf die zahlreichen Definitionen
einzugehen, soll im folgenden die Definition von Lütgens Verwendung
finden: „Issues im Sinne des Issues Management Konzeptes sind
Sachverhalte von öffentlichem, zumeist auch medialem Interesse, die als
Konsequenz aus der Beziehung zwischen einer Organisation und einer oder
mehrerer ihrer Teilöffentlichkeiten entstehen, Konfliktpotential bergen
und nach Ansicht einer oder beider Parteien einer Behandlung bzw. Lösung
bedürfen.“ (LÜTGENS
2002, S. 27)
Als
Konsens aller Definitionsvorschläge können für Issues die folgenden
Eigenschaften angenommen werden (RÖTTGER
2001, S. 19):
-
Öffentliches
Interesse, d.h. Folgen über die Privatsphäre hinaus
-
Konfliktpotential
in Bezug auf mögliche Lösungen, Wertebezug oder Verteilung
-
(möglicher)
Einfluß auf Organisationen und deren Handlungsmöglichkeiten
-
Issues
stellen eine Beziehung zwischen Teilöffentlichkeiten und
Organisation her
-
Zusammenhang
mit einem oder mehreren Ereignissen
Issues
lassen sich als Brennpunkte unterschiedlicher Interessen begreifen. Neben
das Unternehmensinteresse und das von oppositionellen Anspruchsgruppen
tritt etwa das weiterer Stakeholder, persönliche Interessen der
Beteiligtem, z. B. des Managements, der Allgemeinheit der Medien und der
Politik.
Das
illustriert diese Grafik. (LIEBL
2000, S. 31)
In
diesem Umfeld ist ein Issue eine Erwartungslücke, ein Auseinanderklaffen
von Ansprüchen und deren Erfüllung. Eine solche Lücke kann sich
beziehen auf die:
-
unterschiedliche
Wahrnehmung von Fakten,
-
Abweichung
von Anspruch und Leistung oder
-
Unterschiede
in Bezug auf Ideal- bzw. Zielvorstellungen.
Der
oben skizzierte soziale Wandel legt nahe, daß solche Erwartungslücken
tendenziell zunehmen.
Die
Entstehung von solcher Lücken läßt sich allerdings nicht damit erklären,
daß die Unzufriedenheit um so größer ist, je schlechter die Lage ist.
Die Bildung von Issues ist vielmehr auf die Organisierbarkeit von
Interessen zurückzuführen, also sowohl auf eine Mobilisierungsleistung
in Bezug auf Ressourcen, als auch eine Interpretationsleistung in Form
einer Mobilisierung von Konsens.
Es
wurde bereits oben festgestellt, daß die soziale Differenzierung moderner
Industriegesellschaften die Spezialisierung und Segmentierung von
Interessen bewirkt. Das erleichtert wiederum deren Organisierbarkeit, da für
den einzelnen die Anreize zunehmen, sich für ein Issue zu engagieren.
Die
Interpretationsleistung besteht in der Etablierung eines gemeinsamen
Deutungsrahmens. Zwischen Individuen muß eine gemeinsame Sicht eines
Sachverhalts entstehen. Diese Mobilisierung von Konsens wirkt identitätsstiftend.
Interessengruppen sind deshalb auch Deutungsgemeinschaften in Bezug auf
Issues.
Dieser
Deutungsrahmen strukturiert die selektive Wahrnehmung von Wirklichkeit und
formt Erwartungen. Somit wird den Dingen erst eine Bedeutung beigelegt.
Wenn es nun Anspruchsgruppen gelingt, einen gemeinsamen Deutungsrahmen
aufzubauen, so konstruieren sie damit gleichzeitig neue Realitäten. Ein
Sachverhalt wird nur zu einem Issue, wenn er in einem bestimmten
Deutungsrahmen eingeordnet problematisiert werden kann. Vor Jahrzehnten führten
etwa Umweltsünden nicht zu Skandalen, weil gar kein Umweltbewußtsein
bestand.
Den
Prozeß der Issues-Entstehung gibt diese, aus LIEBL 2000 entnommene Grafik
wieder.
Der
oben skizzierte gesellschaftliche Wandel führt zu einer Reihe von
Erwartungslücken und damit zu einer Menge an potentiellen Issues. Durch
die Mobilisierung von Konsens und die Organisation von Ressourcen
entstehen Anspruchsgruppen, die ihre Darstellung eines Problems und mögliche
Lösungen artikulieren und damit die Agenda der Medien und der politischen
Entscheidungsträger zu beeinflussen.
Letztlich
geht es darum, den Deutungsrahmen dieser Stakeholder in die öffentliche
Meinung einzubringen, um damit Entscheidungen zu beeinflussen. (LIEBL
2000, S. 33 ff.)
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