|
Die
Akteursdimension umfaßt die Personengruppen, die als issue-raiser hinter der
Sachdimension stehen. Diese sind
aus zwei Gründen wichtig: Einmal stellen sie automatisch eine Zielgruppe des
Issues Managements dar. Weiterhin ist aufgrund der engen Verbindung von Issues
und Stakeholdern, die bereits unter Sachdimension festgestellt wurde, eine
Analyse der Akteurdimension entscheidender Bestandteil der Issue-Analyse. „Im
Mittelpunkt der Akteursdimension des Issues Management-Konzeptes stehen grundsätzlich
Personen, die – aufgrund ihrer Beziehung zu einem Unternehmen bzw. einer
Organisation – ein gemeinsames Interesse an einem bestimmten Sachverhalt
haben, sich dessen aktiv annehmen, d.h. es zum Issue machen, um dadurch eine
ihren Interessen zuträgliche Lösung zu erreichen.“ (LÜTGENS 2003, S.
38)
Wie kann nun die Öffentlichkeit aus Sicht des Unternehmens in
Teilöffentlichkeiten strukturiert werden? Hier gibt es mehrerer Ansätze.
Organisationstheoretische
Sicht:
Teilöffentlichkeiten sind die Gruppen, mit denen ein Unternehmen bei der
Verfolgung seiner Ziele in Kontakt oder Konflikt gerät. Diese sogenannten
Bezugsgruppen lassen sich dann nach den Kontaktfeldern gliedern. Im Ergebnis
erhält man dann eine Grafik wie die folgende (AVENARIUS 2000, S.
181):

Eine Teilmenge der
Bezugsgruppen sind die Anspruchsgruppen. Darunter sind diejenigen
Teilöffentlichkeiten zu verstehen, zu denen Abhängigkeitsbeziehungen im Sinne
von Leistung und Gegenleistung bestehen und die deshalb die Ziele eines
Unternehmens beeinflussen können. Typische Beispiele sind Mitarbeiter,
Anteilseigner, Kunden und Lieferanten.
Stakeholder
vs. Shareholder
Die Anspruchsgruppen werden auch als Stakeholder bezeichnet. Viele
„Stakes“ der Anspruchsgruppen sind außerökonomischer Natur. In diesem
Zusammenhang steht die Diskussion um den sogenannten „Shareholder value“.
Diese Position postuliert den Unternehmenswert und damit das Interesse der
Eigentümer als oberstes Unternehmensziel. Demgegenüber wurde versucht, mit
Stakeholder-Value eine Gegenposition aufzubauen, welche das Ausbalancieren der
Interessen der Anspruchsgruppen als Aufgabe der Unternehmenspolitik ansieht,
wobei die Shareholder eben nur eine Gruppe unter allen Stakeholdern ausmachen.
Die Vertreter des Shareholder-Value Ansatzes entgegnen dem, daß damit bloß unökonomische
Diversifikationen und Überinvestitionen in schrumpfende Sektoren gerechtfertigt
würden, die im kurzfristigen Interesse der Stakeholder lägen. Dadurch leide
aber die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens was zu Übernahmen und
radikalen Umstrukturierungen führe. Die Orientierung am Shareholder Value sei
langfristig auch im Sinne der Stakeholder. (RAPPAPORT 1999, S. 1 ff.)
Tatsächlich
wurde die Diskussion um das Stakeholder-Management zu eine normativen Thema, mit
der Frage nach der Legitimität von Interessen im Mittelpunkt. Eine dem
Shareholder Value entsprechende Nutzengröße ist wegen der Vielzahl der Gruppen
und Ansprüche gar nicht zu ermitteln.
Corporate
Reputation
Vielmehr ist die Gegenüberstellung von Shareholdern und Stakeholdern im Sinne
der Frage: „Muß man Shareholder Value opfern, um Interessen weiterer
Stakeholder auszugleichen?“ gar nicht sinnvoll. Denn ein Unternehmen kann
ohnehin nur dann langfristig seinen Marktwert erhöhen, wenn es keine großes Mißverhältnis
gegenüber den Erwartungen der Anspruchsgruppen zuläßt. (LIEBL 2000, S. 26
ff.)
Das verdeutlicht das Konzept der „Corporate Reputation“: Reputation als das
Resultat öffentlicher Wahrnehmung eines Unternehmens, wird als Teil des
Unternehmenswertes betrachtet. Gerade bei feindlichen Übernahmen zeige sich, daß
die Corporate Reputation bis zu 50% des Unternehmenswertes ausmachen kann. (VON
WARTBURG, 2003)
Für das
Issues Management sind natürlich die Anspruchsgruppen als potentielle
"Issue Raiser" interessant. Grafiken wie die obige eignen sich als
Stakeholder-Landkarten deshalb für die Issue-Identifizierung, weil sie den
Untersuchungsfeld abstecken und nach inhaltlichen (Politik, Wirtschaft,
Gesellschaft etc.) oder geographischen gliedern. Der beschriebene Ansatz
erlaubt aber keine Aussagen über die Beziehung zwischen Teilöffentlichkeit und
Unternehmen. (LÜTGENS 2002, S. 39 ff.)
Linkage-Modell
Dem versucht das Linkage-Modell abzuhelfen, indem die Art der Beziehungen
charakterisiert wird. Dabei unterscheidet man vier Arten von Verbindungen:(LÜTGENS 2002, S. 41 f.)
-
Ermächtigende
Verbindungen zu Gruppen, die Rahmenbedingungen gestalten können, wie
etwa Politik und Behörden
-
Funktionale
Verbindungen zu Teilöffentlichkeiten, die dem Unternehmen Input geben
oder seinen Output nutzen.
-
Normative
Verbindungen mit Anspruchsgruppen, welche die gleichen Probleme
vergegenwärtigen oder die gleichen Werte teilen.
-
Diffuse
Verbindungen zu informellen Anspruchsgruppen, die nicht organisiert
auftreten und lediglich durch gemeinsame Merkmale locker verbunden sind.
Situative
Theorie der Teilöffentlichkeiten
Aufgrund der letzten eher vagen Kategorie wird deutlich, daß auch der
Linkage-Ansatz nicht erklären kann, wie einzelne Personen sich eines Problems
bewußt werden und sich in Gruppen zusammenschließen, um Ansprüche anzumelden.
Genau das ist aber für das Issue Management entscheidend, gerade wenn
aufkommende Issues frühzeitig identifizieren will.
Der situative
Ansatz fußt auf der Erkenntnis, daß Probleme situativ entstehen und damit die
zugehörigen Teilöffentlichkeiten. Grundig schreibt treffend: "To say
that attitudes are situational means that people may evaluate your organization
favorably in some situations, such as its performance in producing a quality
product, but unfavorably in other situations, such as its records on air
pollution. They will not have one broad attitude towards your organization on
all issues." (AVENARIUS 2000, S. 183) Das korresponidert im übrigen
mit dem, was oben über Issue-Orientierung
und Akzeptanzkrise gesagt wurde.
Nach dem Aktivitätsgrad werden vier Typen von Teilöffentlichkeiten
unterschieden:
-
nicht-existente
Teilöffentlichkeiten
-
latente
Teilöffentlichkeiten
-
bewußte
Teilöffentlichkeiten
-
aktive
Teilöffentlichkeiten
Dieser
Aktivitätsgrad bestimmt sich wiederum durch drei bei den Individuen erhebbare Variablen:
-
Problemwahrnehmung
-
Restriktionsempfinden
-
Betroffenheitsgrad
Mit diesen
Variablen läßt sich ein dreidimensionales Koordinatensystem aufspannen. Bei
jeweils zwei Ausprägungen (hoch, niedrig) ergeben sich acht Kategorien von
Teilöffentlichkeiten (GIGER 2002):

-
1+2: Aktivismus
(hohes Problembewußtsein, niedriges Restriktionsempfinden)
-
3+4: Routine
(niedriges Problembewußtsein, niedriges Restriktionsempfinden)
-
5+6: Resignation
(hohes Problembewußtsein, hohes Restriktionsempfinden)
-
7+8: Fatalismus
(niedriges Problembewußtsein, hohes Restriktionsempfinden)
Anhand des
Betroffenheitsgrades läßt sich dann einschätzen, ob diese Gruppen sich aktiv
oder passiv verhalten.
Der
Aktivitätsgrad und damit auch die Organisationsfähigkeit nimmt mit steigender
Problemwahrnehmung und -involviertheit und sinkendem Restriktionsempfinden (d.h.
dem subjektiven Gefühl, nichts tun zu können) zu.
Somit wird klar, daß sich Anspruchsgruppen und Issues simultan entwickeln: Ohne
ein Thema kann sich keine Teilöffentlichkeit bilden. Ohne Problembewußtsein
und subjektivem Betroffenheitsempfinden wird aus dem Thema kein Issue.
Bei Nicht-Teilöffentlichkeiten ist keine der drei Variablen meßbar. Da bereits
geschildert wurde, daß unternehmerisches Handeln immer weitere Bereiche
tangiert, ist von der These auszugehen, daß diese Gruppen seltener werden.
Bezüglich
des Issues Managements hat die situative Theorie der Teilöffentlichkeiten den
Vorteil, daß sich anhand der drei Variablen messen läßt, ob und welche
Gruppen sich Themen annehmen und welche Issues sie damit schaffen. Somit kann
die Bildung von Issue-Raisern nachvollzogen werden.
Weiterhin wird durch die Variablen auch das entweder aktive oder passive
Kommunikationsverhalten bestimmt und bildet damit die Grundlage für
entsprechende Kommunikationsangebote im Rahmen des Issues Managements. (LÜTGENS
2002, S. 44 ff.)
|